Svenja, 19, Brandenburg/Havel und Blessing, 19, Potsdam
Die Jugend von heute: Ausstellung über junge Stimmen bei Lernort Stadion


„Wir schaffen im Stadion einen Safe-Space, in dem die Jugendlichen gesehen werden und ihre eigenen Ideen einbringen können.“
Svenja

„Unserer Gesellschaft fehlt die Offenheit. Ich habe das Gefühl, Leute hören zu um zu antworten und nicht um zu verstehen. Im Lernort probieren wir dem entgegenzuwirken.“
Blessing
Meine erste Frage wäre: Wer seid ihr?
B: Ich heiße Blessing, ich bin 19 und aus Potsdam und im Moment studiere ich an der HWR Recht. In meiner Freizeit tanze und lese ich sehr gerne und ich zeichne auch gerne.
S: Ich bin Svenja, ich bin 19 und ich komme aus Brandenburg an der Havel. Aktuell gebe ich hauptsächlich Workshops im Stadion bei uns in Babelsberg, aber ich bin auch beim Deutschen Roten Kreuz aktiv. In meiner Freizeit mache ich gerne Sport oder bin bei schönem Wetter draußen.
Ihr seid beide Teamerinnen im Lernzentrum in Potsdam. Wie seid ihr in das Lernzentrum Karli in Babelsberg gekommen? Wie habt ihr davon erfahren?
S: Ich bin durch ein Seminarkursprojekt in der Schule das erste Mal ins Stadion in Babelsberg gekommen. Mit einer Freundin habe ich einen Workshop zum Thema Medienpädagogik konzipiert und wurden von der Koordinatorin Barbara gefragt, ob wir im Lernzentrum eine Workshop-Woche machen wollen. Da habe ich dann auch Blessing kennengelernt und seitdem geben wir zusammen Workshops im Stadion.
B: Ich bin auch durch Barbara auf die Arbeit im Stadion gestoßen. Sie war an meiner Schule Schulsozialarbeiterin. Svenja und ich sind jetzt „das Duo“.
Voll schön. Was würdet ihr sagen, ist das Besondere an Lernort Stadion? Gibt es irgendwas, was euch besonders viel Spaß macht?
B: Das Besondere sind die Menschen. Ich mag es mit jungen Menschen zu arbeiten, da muss man sich nicht so verkrampft verstellen. Ich bin ja auch erst ins Erwachsenenleben reingeschlüpft und weiß, wie es sich anfühlt. Es ist schön, gesehen zu werden und seine eigenen Ideen auszusprechen. Dafür haben wir im Stadion einen coolen Safer Space geschaffen. Unser Ziel ist es, Wissen weiterzugeben, was sie auch tatsächlich im Alltag anwenden können und eben nicht nur für eine Klassenarbeit lernen.
S: Was mich immer wieder überrascht, sind die Unterschiede zwischen den Klassen. Du hast immer eine neue Erfahrung, „eine neue Herausforderung“, und es ist nie eintönig. Jeder Klasse kannst du etwas Neues mitgeben und wenn sie dann am Ende des Tages sagen „Ich habe das und das über Diskriminierung und Vielfalt gelernt und es hat Spaß gemacht“, ist das einfach schön. Ich mag, dass wir mit den Jugendlichen auf Augenhöhe reden können und nicht wie Lehrkräfte agieren. Dann merkt man auch, wie die Jugendlichen sich öffnen. Im Fußballstadion zu sein, macht die Atmosphäre auch besonders.
Würdet ihr sagen, es ist ein Vorteil, dass ihr noch relativ jung und damit vom Alter näher an den Teilnehmenden dran seid?
Beide: Auf jeden Fall.
B: Ich glaube, wir verstehen die Jugendlichen auf einer gewissen Ebene viel besser, als jemand, der ein bisschen älter ist. Wir können dann einfacher auf die Themen, die aufkommen eingehen, weil wir sie teilweise auch aus unserem Alltag kennen.
S: Ja, genau deswegen schicken wir die Lehrkräfte meistens auch raus, damit die Jugendlichen nicht das Gefühl haben, bewertet zu werden. Besonders bei sensiblen Themen finde ich es sehr wertvoll, dass wir noch so jung und nah an den Teilnehmenden dran sind. Wir hatten jetzt auch eine Situation, wo wir einer Teilnehmenden helfen können – das ist sehr schön. Für mich war das genau das Ziel, mit dem ich damals im Seminarkurs den Workshop konzipiert habe: Etwas von jungen Leuten für junge Leute machen. Ich glaube, die Hemmschwelle, sich zu öffnen und Fragen zu stellen ist so auch viel geringer.
Hattet ihr vor eurer Rolle als Teamerinnen einen Fußballbezug?
S: Nicht wirklich. Der Einzige, der in meiner Familie vielleicht einen Fußballbezug hat, ist mein Vater, der schaut gerne Fußball. Ich war ein paar Mal bei den Spielen einer Freundin, aber ich war vorher noch nie im Stadion und hatte auch gar keinen Plan vom SV Babelsberg.
B: Meine Familie schaut schon Fußball. Ich schaue aber eigentlich nur, wenn besondere Spiele sind. Mit Fußball hatte ich eigentlich nichts am Hut. Deswegen fand ich es auch interessant, dass Antidiskriminierungsarbeit im Fußball so eine große Rolle spielt. Ich hätte nicht gedacht, dass es da Sozialarbeit oder einen Lernort gibt.
S: Ich mag es auch, dass wir beim SV Babelsberg sind. Zum Einstieg hätte ich mir keinen besseren Verein vorstellen können. Es ist relativ klein, man kennt alle Leute und ich finde wichtig, was der Verein politisch macht und wofür er sich einsetzt.

Wie ist das bei den Klassen, die bei euch in die Workshops kommen? Wie finden sie es, wenn sie im Stadion sind?
B: Die finden das richtig cool. Sie stellen sehr viele Fragen, wollen auf den Rasen und in die Kabinen und sind einfach ein bisschen motivierter – vor allem, wenn sie Fußballfans sind. Das Stadion hat bei vielen eher positive Assoziationen und führt dazu, dass sie sich wohlfühlen – anders als in der Schule, die viele mit Leistungsdruck verbinden.
S: Wir sind für die Workshops oft im VIP-Raum, das ist ja auch ein besonderer Ort, in den man sonst nicht kommt. Das finden die Teilnehmenden natürlich cool – und die Stadion-Rallye. Dabei kommt man in Bewegung und muss als Team zusammenarbeiten, um den nächsten Hinweis zu finden. Die Jugendlichen lernen dabei etwas über die Geschichte des Vereins und des Stadions. Zum Beispiel, dass wir das einzige Stadion mit einklappbaren Flutlichtmasten in Deutschland sind.
Außerdem gibt es bei uns, anders als in der Schule, keinen Leistungsdruck. Sie machen aus ehrlichem Interesse mit. Und es wird auch immer wieder gesagt, dass wir sehr cool und gute Teamerinnen sind.
B: Also muss da ja was dran sein. (lachen).
Was sind die Themen, die euch aktuell beschäftigen und was sind Themen, die die Jugendlichen beschäftigen, die eure Workshops besuchen?
S: In den Workshops kommen oft die Themen Rassismus und Sexismus aus. Aber die Altersspanne der Klassen ist auch sehr groß, deswegen sind auch die Themen sehr unterschiedlich.
B: Es hängt sehr von der Klasse ab. Aber ich würde sagen, es sind weniger individuelle Probleme, es sind mehr Klassen- oder Freundschaftsprobleme. Ich habe das Gefühl, dass viele von den Kids viel runterschlucken und ihrem Gegenüber nicht mitteilen, wie sie sich fühlen. Das kann ich auch persönlich gut nachvollziehen. Ich habe nicht das Problem, dass meine Freunde mich z.B. beleidigen, aber das Thema Grenzen setzen beschäftigt mich auch.
S: In den Pausen kommen dann auch sehr persönliche Themen auf, zum Beispiel im Bezug auf Freundschaften. Da versuchen wir auch zu unterstützen. Es ist ja nicht so, dass wir nur unsere Inhalte zum Thema runterrattern wollen.
Was gefällt euch an der Arbeit als Teamerinnen?
B: Neben der Arbeit mit den Jugendlichen mag ich, dass wir uns auch selbst mit den Themen auseinandersetzen müssen, damit wir wirklich etwas dazu sagen können. So lernen wir immer wieder Neues, nicht nur in der Praxis von den Klassen, die zu uns kommen, sondern eben auch in der Theorie. Das ist mir beispielsweise beim Thema Barrierefreiheit aufgefallen: Wenn man selbst nicht betroffen ist, denkt man oft gar nicht darüber nach, in wie vielen Bereichen des Lebens das Thema eine Rolle spielt. Man trifft auch immer wieder verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Backgrounds: so wird es nie langweilig.
S: Wir werten die Workshops auch immer aus und reflektieren, was gut war oder wo wir uns noch verbessern können. Mit der Zeit wird man flexibler und lernt, mit unterschiedlichen Situationen umzugehen. Ich mag auch, dass wir eigentlich immer zu zweit sind. Das sollte auch in der Schule viel öfter der Fall sein, denn so kann man individueller auf die Themen und Bedürfnisse der einzelnen Teilnehmenden eingehen und sie wirklich da abholen, wo sie stehen.

Wenn ihr über die privaten Themen hinwegdenkt, eher an gesellschaftliche Themen: Was beschäftigt euch oder was hört ihr bei den Kids oft raus?
B: „Ausländerfeindlichkeit“ bzw. Rassismus. Meistens sind unsere Klassen sehr divers, auch von der Herkunft der Teilnehmenden. Das heißt, wir kriegen oft mit, was sie selbst erfahren, Leider auch oft von Seiten der Lehrer. Da trauen sich viele nicht, das in der Schule anzusprechen, weil Lehrkräfte Autoritätspersonen sind. Es ist ein Gesellschaftsproblem, dass man Kindern und Jugendlichen oft nicht zutraut, dass die wirklich wissen, von was sie reden. Ich glaube, Kinder und Jugendliche haben oftmals schon sehr viel Wissen. Weil ihnen oft nicht geglaubt wird, behalten sie es für sich. So baut sich ein Minderwertigkeitsgefühl auf.
S: Darüber reden wir mit den Jugendlichen auch. Altersdiskriminierung geht in beide Richtungen. Junge Leute erfahren oft Adultismus Da heißt es dann zum Beispiel: „Die Jugend von heute kann nicht mehr richtig arbeiten“, Ich glaube, es ist jedoch ganz wichtig, den Kindern und Jugendlichen mitzugeben: „es ist in Ordnung, wie ihr handelt und wie ihr seid“. Nur weil eine Person älter ist, heißt das nicht zwingend, dass sie richtig liegt.
Daran anschließend: Was würdet ihr sagen, sind aktuell die größten Herausforderungen für junge Menschen in der Gesellschaft?
S: Ich glaube für junge Menschen einfach die ungewisse Zukunft allgemein. Man bekommt ja mit, was es alles für Probleme gibt, sei es politisch oder gesellschaftlich. Es ist schwer, ein konkretes Problem zu identifizieren.
Macht es dir oder den Leuten in deinem Umfeld Angst, wenn du die Zukunft allgemein als so große Herausforderung bezeichnest?
S: Angst würde ich nicht sagen, aber Respekt auf jeden Fall. Gerade weil durch die ganzen Kriege eine große Ungewissheit herrscht. Und auch die Politik in Deutschland ist ein Thema – vor allem wenn man mitbekommt, welche Parteien relativ großen Zuwachs bekommen. Ich habe auf jeden Fall Angst vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Wenn das so ausgeht, wie es sich manche Menschen vorstellen, kann das einen sehr negativen Einfluss auf unsere Gesellschaft und insbesondere die jungen Menschen haben.
B: Ich habe mir jetzt extra ein Buzzword ausgesucht: Fehlende Offenheit. Ich finde, das kann man auf ganz viele unterschiedliche Themen anwenden. Gerade fehlt an vielen Stellen unserer Gesellschaft die Offenheit und es fühlt sich so an, als wäre jeder so überzeugt von seiner eigenen Weltanschauung und von seiner eigenen Meinung, dass keiner wirklich bereit ist, eine neue Perspektive zu hören. Ich habe das Gefühl, Leute hören zu, um zu antworten und nicht um zu verstehen. So redet man aneinander vorbei. Ich glaube, es laufen gerade so viele Dinge schief, weil keiner zugeben will einen Fehler zu machen. In einer Gesellschaft muss es die Offenheit geben, in einen Diskurs einzutreten um dann einen Kompromiss einzugehen und sich in der Mitte zu treffen. Ich war eine Zeit lang wirklich frustriert, wenn es um Politik ging. Aber es ist nicht immer schwarz oder weiß, oft gibt es auch etwas dazwischen.
S: Es ist halt der bequemste Weg, einfach zu sagen „meine Meinung ist richtig und die will ich durchsetzen“. Diesen bequemen Weg gehen gerade zu viele Menschen, nicht nur, aber vor allem auch in der Politik.

Was löst das für ein Gefühl bei euch aus, wenn ihr, wie ihr gerade beschrieben habt, feststellt, dass die Empathie abnimmt, dass Leute weniger kompromissbereit sind und extremer werden?
B: Bei mir löst das Enttäuschung aus. Als ich jünger war, habe ich alles noch optimistischer gesehen. Ich habe gesehen, wie viele junge Menschen sich engagiert haben und coole Ideen hatten. Ich dachte, unsere Gen Z, das wird was. Aber jetzt, wo ich an dem Punkt bin, eigene Entscheidungen treffen zu können, habe ich das Gefühl, dass mir an vielen Stellen die Hände gebunden sind. Wir nutzen die Ressourcen, die wir haben, nicht gut genug. Wir müssten eigentlich schon viel weiter sein, aber machen stattdessen eher eine Rolle rückwärts. Das ist vor allem für marginalisierte Gruppen, für Frauen, für schwarze Menschen, für Migranten, für Menschen mit Behinderung traurig.
S: Das hätte ich nicht besser sagen können, danke. Wenn ich sowas höre entwickelt sich in mir großer Frust. Ich kann nicht verstehen, warum manche Menschen nicht wollen, dass es jedem in unserer Gesellschaft gut geht. Warum willst du nicht, dass queere Personen ihre Identität ausleben können oder Menschen mit Migrationshintergrund die Jobs ausüben können, die sie wollen und für die sie auch ausgebildet sind? Warum baust du diese Mauer auf? Nur weil du „Nationalstolz“ hast? Da wird mir schlecht.
Blessing, du hast vorhin erzählt, dass du dich politisch engagiert hast. Würdest du sagen, dass die Positionen von jungen Menschen von der Politik genug gehört werden?
B: Die Position wird gehört, aber sie wird nicht so anerkannt. Ich glaube, es liegt nicht daran, dass sie es nicht hören oder dass sie es nicht wissen. Die Priorisierung fehlt. Es wird oft gesagt, wir haben ganz andere Probleme in Deutschland. Zum Beispiel der Benzinpreis. Ich fahre kein Auto, aber ich bin mir sicher, dass das ein Problem ist. Trotzdem haben wir auch soziale Probleme, die bekämpft werden müssen. Junge Menschen sind da oft sehr lösungsorientiert, aber werden nicht gehört. Eine Sache, die ich an jungen Menschen mag, ist, dass wir oft mit Lösungsvorschlägen kommen. Diese Lösungen werden nur oft nicht mal angeschaut.
S: Probleme werden oft wie ein Wettbewerb gesehen: Welches Problem ist jetzt am schlimmsten in unserer Gesellschaft? Es ist schlimm genug, dass es Probleme gibt, warum fangen wir nicht im Kleinen an und versuchen einfach eines der Probleme zu lösen?
B: Die Wichtigkeit von Problemen kann man gar nicht messen, das ist super personenabhängig. Für die eine Person ist vielleicht die Gaspreisbremse sehr, sehr wichtig, für die nächste Person ist es die Miete, die überteuert ist, für die dritte Person ist es Bafög, für wieder jemand anderen ist es die Ausländerfeindlichkeit im Büro. Alle Probleme sind wichtig, weil sie Menschen betreffen.
Vielleicht um positiv aufzuhören: Was wünscht ihr euch für euch selber, für eure Zukunft, für die Gesellschaft, in der ihr lebt und vielleicht auch konkret von der Politik?
S: Ich sage Vielfalt, gerade Workshop-bezogen, dass wir ein bisschen mehr Auswahl beziehungsweise verschiedene Angebote haben. Aktuell machen wir einen Workshop zum Thema Antisemitismus. Darauf freue ich mich auch schon sehr. Auch wenn es schwierig ist, freue ich mich auf die Zukunft und glaube auch, dass es für mich persönlich gut wird. Ich fange dieses Jahr an zu studieren und freue mich auf neue Erfahrungen. Und ich versuche aus jeder Situation einfach das Beste zu machen.
B: Ich wünsche mir Kontakte. Ich liebe es, mit neuen Menschen, aber auch mit den Menschen die ich kenne und die ich gern mag, in Kontakt zu stehen. Das wünsche ich mir für die Zukunft beizubehalten. Ich wünsche mir für meine Zukunft, dass ich nicht irgendwann in einem eintönigen Alltag lande und immer nur mit denselben vier Personen rede. Ich freue mich auch auf die Zukunft, weil ich hoffe, dass ich diese Offenheit beibehalte.







