Shahd, 23, Dortmund
Die Jugend von heute: Ausstellung über junge Stimmen bei Lernort Stadion

„Fußball ist wie meine Heimat. Es ist ein Zufluchtsort vor der Realität, in dem ich Zusammenhalt erfahre.“

Hallo Shahd, stell dich doch gerne einmal vor!
Hi! Ich bin Shahd, ich bin aber auch bekannt unter meinem Künstlernamen Stern. Ich bin 23 Jahre alt, komme ursprünglich aus Syrien und bin seit 2014 in Deutschland. Gerade habe ich meine Abiturprüfungen geschrieben.
Woher kennst du den Lernort in Dortmund und wie hat es dir gefallen?
Ich habe beim Lernzentrum an zwei Projekten teilgenommen: Beim Musik-, Tanz, und Theaterprojekt „Future You“ und bei einem weiteren Projekt, bei dem es um Gewalt gegen Frauen ging. In beiden Projekte spielte Theater und Musik eine Rolle. Das mag ich gerne und kann ich gut. Ich rappe und schauspiele seit zehn Jahren. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir, als beim letzten Workshop ein junges Mädchen auf der Bühne stand und über Gewalt an Frauen gesprochen hat – das hat mich stolz gemacht.
Du hast gerade schon erzählt, du hast auch einen Künstlernamen. Wie kam es dazu?
Viele Leute sprechen meinen richtigen Namen „Shahd“ falsch aus, in der Schule wurde vor allem am Anfang viel darüber gelästert, Irgendwann gewöhnt man sich daran, aber schön war es nicht. Deshalb habe ich mir überlegt, ich möchte einen Künstlernamen haben. Und dann dachte ich: Warum nicht Stern? Ich bin ein Mensch, der gerne mit vielen Gedanken und positiver Energie leuchtet.
Du interessierst dich für Hiphop und rappst – Wie bist du zum Rappen gekommen?
Zum Rappen bin ich durch jemanden gekommen, der mich und meine Familie in einer schwierigen Zeit hier in Deutschland unterstützt hat, als ich Rassismus erlebte, keinen Schulplatz fand und mich einfach sehr schwach gefühlt habe. Denn für meine Mama als alleinerziehende Mutter mit drei Kindern war es nicht leicht. Beim Rappen fällt es mir leichter über schwierige Themen zu sprechen, über die man sonst eher nicht spricht. Es ist zwar nicht immer leicht, die richtigen Worte zu finden, weil man auch auf Reime und den Rhythmus achten muss. Aber ich versuche es, zum Beispiel, in dem ich in verschiedenen Sprachen rappe: Deutsch, Arabisch, Türkisch, Englisch und manchmal auch ein paar Worte Spanisch.
Was bedeutet dir die Musik oder das Rappen?
Musik bedeutet für mich einfach sagen zu können, was ich will, frei zu sein. Ich schreibe Texte erstmal für mich und dann versuche ich, mit der Botschaft andere Menschen zu erreichen. Ich habe auch schon mehrere Auftritte gehabt und arbeite jetzt auf ein kleines EP-Album hin. Es hilft mir sehr, einfach aufzuschreiben was ich fühle und auch die ganzen negativen Gedanken rauszulassen. Außerdem tut es auch gut, die Texte dann vor anderen Leuten zu performen und deren Feedback zu bekommen. Mein erster Auftritt war richtig geil. Ich habe einfach vergessen, dass ich Shahd bin und den Moment genossen. Ich rappe viel über Krieg und Heimat, das war in meinem Leben noch nie einfach. Aber auch über Rassismus und wie es ist, in Deutschland anzukommen. Die Musik hilft mir, damit umzugehen.
Magst du mehr darüber erzählen?
Ich bin in Dubai geboren und 2011, genau als der Krieg begonnen hat, nach Syrien gegangen. Dort habe ich ein Jahr mit meinen Großeltern ohne meine Eltern gelebt. 2012 oder 2013, ich weiß es nicht mehr genau, mussten wir nach Jordanien flüchten. Von dort aus sind wir dann nur mit meiner Mama und uns drei Kindern weitergeflüchtet nach Deutschland. Als wir in Deutschland ankamen war ich 13. Das war nicht einfach. Als wir hierher kamen ist mein Opa an Krebs gestorben. Und in der Schule, ich bin damals in die sechste Klasse gekommen, habe ich kein einziges Wort gesagt, weil ich noch kein Deutsch konnte. Die Lehrerin war gefühlt auch immer sauer auf mich. Die Sprache habe ich dann nebenbei in der Schule gelernt. Nach der zehnten Klasse bin ich dann aufs Berufskolleg gegangen. Dort habe ich dann mit Theaterspielen begonnen, was mir sehr geholfen hat, die Sprache zu lernen. Durch das viele Sprechen habe ich auch meine Angst abgebaut.
Welche Themen bewegen dich aktuell?
Zum einen die Kriege, die gerade in der Welt passieren. Zum anderen auch die Fußballweltmeisterschaft. Ich finde es schwer auszuhalten, dass Politik so eine große Rolle dabei spielt. Aber ich finde auch, es jetzt zu spät ist, darüber zu meckern. Das hätte man viel früher kritisieren müssen. Jetzt sollte es nur um Fußball gehen. Das gilt aber auch für alle, das heißt auch die Gastgeberländer sollten tatsächlich nur auf den Fußball schauen und nicht einzelne Spieler oder Schiedsrichter aufgrund ihrer Herkunft nicht einreisen lassen. Ich liebe Fußball, ich gucke schon seit ich sechs Jahre alt bin. Mein Vater war auch großer Fußballfan und so bin ich damit aufgewachsen. Bis heute gucke ich Fußball und spiele auch selbst im Verein und ich war auch schon öfter im Stadion, zum Beispiel hier im Signal-Iduna-Park oder in Barcelona im Camp Nou.
Ist Fußball für dich politisch?
Nein. Fußball ist für mich wie meine Heimat: die Heimat, die ich verloren habe. Wenn ich ein Team unterstütze, dann auch mit ganzem Herzen. Und ja, dieser Verein oder diese Mannschaft kann dann auch politische Themen thematisieren. Ich bin auf jeden Fall dafür, dass Themen wie Frieden, Armut, Frauenrechte im Fußball Platz finden, aber keine Themen, die dann außerhalb des Fußballs für Konflikte sorgen.

Wofür steht Fußball für dich?
Ich finde meinen Frieden dadurch. Ich versuche, Fußball von meinem restlichen Leben zu trennen, der Fußball ist für mich wie ein Zufluchtsort vor der Realität. Fußball steht für mich für Zusammenhalt, Stolz und Identität. Wenn Deutschland jetzt die WM gewinnen würde, würden sich auch alle hier freuen, egal ob sie Fußballfans sind oder nicht.
Im Fußball habe ich vor allem gelernt, zusammen bis zum Ende zu kämpfen und nicht aufzugeben. Füreinander einzustehen, damit man am Ende ein gemeinsames Ziel erreicht. Man sollte sich klarmachen: Auf dem Platz stehen viele Menschen mit unterschiedlichen Geschichten. Wenn wir dienstags zum Training kommen, haben alle etwas Unterschiedliches erlebt, aber sobald wir auf dem Platz stehen, spielen wir, lachen wir und versuchen, die ganze negative Stimmung rauszupielen. Eigentlich musst du nicht mal Fußball spielen können um dazuzugehören. Es reicht, wenn du deine Mannschaft in irgendeiner Art und Weise unterstützt.
Glaubst du, wir als Gesellschaft könnten diesen Zusammenhalt vom Fußball lernen?
Momentan leider nicht. Wir leben in einer ungerechten Welt, Macht wird auf vielen Positionen ausgenutzt. Jeden Tag entstehen neue Konflikte. Wir sind einfach nicht menschlich.
Wie im Fußball sollten wir aber für ein gemeinsames Ziel kämpfen, zum Beispiel den Schutz unseres Planeten. Eigentlich hätten wir viele technische Möglichkeiten, die wir nutzen könnten – stattdessen nutzen wir das, um uns gegenseitig umzubringen. Vor zwei oder drei Jahren habe ich deshalb gesagt, ich habe keinen Bock mehr. Wenn ich mit der Schule fertig bin, will ich Astronomie studieren, – vielleicht wohne ich dann auch irgendwann auf dem Mars oder irgendwo anders im Universum. Ich glaube nicht, dass es hier irgendwann besser wird.
Was glaubst du, würde uns als Gesellschaft helfen, davon wieder wegzukommen?
Vielleicht mehr Jugendliche fragen und auf ihre Ideen eingehen. Die Jugendlichen sind unsere Zukunft. Wenn wir sie jetzt nicht ernstnehmen, wird das durch Social Media nur noch schlimmer. Was werden die Jugendlichen dann in einigen Jahrzehnten machen, wenn die ältere Generation weg ist, aber sie jetzt nicht gehört und begleitet wurden?
Besonders merkt man das in der Politik. Die Erwachsenen denken, sie wissen schon genug und tun so, als wüssten sie besser, was es für die Zukunft braucht – dabei sind wir diejenigen, die in der Zukunft leben müssen.
Das Problem ist: Wenn wir als Jugendliche etwas sagen, hat das viel weniger Gewicht, als wenn das ein Erwachsener sagt. Wir wollten mal ein Projekt gegen Gewalt an Frauen machen und haben die Idee vor vielen Politikern präsentiert. Mehrere Monate ist nichts passiert. Als dann eine erwachsene Person nochmal unsere Idee vorgestellt hat, gings auf einmal ganz schnell. Wir werden oft nicht ernstgenommen. Ich habe das Gefühl, dass das auch für uns Migranten gilt. Wenn du migrantisch und jugendlich bist, ist es am schlimmsten. Zum Glück gibt es aber einige Vereine, die Projekte für Jugendliche machen und sie motivieren, ihre Stimme zu nutzen.
Interessierst du dich denn für Politik?
Phasenweise. Wenn ich Lust habe schaue ich auch gerne Nachrichten und interessiere mich vor allem für große internationale Themen. Durch meine Kindheit war ich sehr früh mittendrin in diesen Konflikten. Manchmal denke ich mir deshalb aber auch „ich habe schon genug Probleme“ und will einfach abschalten.
Welche Herausforderungen siehst du für dich oder deine Familie?
Ich würde gerne die Welt bereisen, dafür könnte es jedoch vielleicht eine Herausforderung sein, einen Pass zu haben, mit dem ich nicht in viele Länder reisen kann. Außerdem habe ich das Gefühl, durch diese ganzen politischen Konflikte und Kriege, aber auch das Klima keine sichere Zukunft zu haben. Das löst ein Gefühl der Unsicherheit aus. Genauso auch, dass ich noch nicht weiß, was ich nach meinem Abi machen möchte. Ich hätte Lust, Schauspiel zu studieren, aber damit verdient man nicht so viel Geld. Immer wenn ich einen Plan mache, entstehen neue Herausforderungen.
Aber egal was kommt, ich werde einen Weg finden, damit umzugehen.
Welche Wünsche hast du für deine Zukunft?
An erster Stelle mein Abi schaffen und dann einen Studiengang zu finden, der mich interessiert. Drittens die Welt zu bereisen und verschiedene Erfahrungen zu sammeln. Und natürlich meine Talente zu nutzen und meine Wünsche in Erfüllung gehen zu lassen.
Was wünschst du dir von einer Gesellschaft, in der du lebst?
Mehr Frieden, mehr Freiheit, mehr Gerechtigkeit und füreinander einstehen.
Und wenn du jetzt einen ganz konkreten Wunsch an die Politikerinnen und Politiker richten könntest, was wäre das?
Gleichbehandlung in allen Themen, Gleichbehandlung von Frauen und Männern, Gleichbehandlung von Jugendlichen und Erwachsenen, Gleichbehandlung Migranten und nicht-Migranten. Einfach füreinander einzustehen – und das Schulsystem verbessern. Wir sind eine Generation, in der KI ein sehr großes Thema ist. Meiner Meinung nach macht es keinen Sinn mehr, klassische Klausuren oder Prüfungen zu schreiben. Man muss andere Möglichkeiten finden, die zur heutigen Zeit passen. KI ist mittlerweile überall und durch Dinge wie Smart-Glasses wird es immer einfacher, mit KI zu betrügen. Man muss lernen, wie man mit KI umgeht.
Zum Abschluss: Mit welchen Gefühlen blickst du in die Zukunft?
Unsicher. Aber auch neugierig auf alles, was noch kommen wird.







